[ Pfarrkirche St. Zeno]      

Der Münchner Erzbischof Franz Josef von Stein (1898 - 1909) nannte unsere Pfarrkirche einmal „Mein kleines Freising“; und in der Tat, die Form des Isener Kirchturmes an der Südwestecke des Langhauses und der Gesamteindruck des Kircheninneren mit seinem Arche-Noah-System weisen unverkennbar nach Freising.

Dies hat historische Gründe. Wahrscheinlich errichtete der 2. Freisinger Bischof Ermbert (739 - 748) in Isen eine benediktinische Zelle, die als abhängiges Wirtschaftskloster das Domstift Freising finanziell absichern sollte. Vor allem der selige Bischof Josef (748 - 764) förderte das Kloster Isen und gilt als eigentlicher Gründer - er liegt im nördlichen Seitenschiff begraben. In der Abhängigkeit von Freising blieb das Kloster Isen, das relativ bald in ein Chorherrenstift umgewandelt wurde, von einer gut 100-jährigen Unterbrechung (10. Jahrhundert: Ungarneinfälle, 1025: Witwengut für die Kaiserin Kunigunde) abgesehen, bis zur Säkularisation 1803: die Isener waren also keine Bayern, sondern Bewohner des „Freisinger Ländchens“.
Die beinahe 1000-jährige Geschichte des „Freisinger Ländchens“ hat in der Pfarrkirche vielfältige Spuren hinterlassen, und es macht den besonderen Reiz dieses Gotteshauses aus, dass die verschiedenen Stilarten nebeneinander erhalten geblieben sind.

Sehr augenfällig ist das Portal aus dem 12. Jahrhundert, das zu den bedeutendsten Zeugnissen Süddeutscher Romanik zählt: 7 Bögen (vgl. 7 Sakramente / 7 Bitten im Vater Unser) ruhen auf 6 Säulen, wobei sich das Portal nach innen verjüngt. Über dem Türsims mit 10 Palmzweigen (10 Gebote) thront Christus, der mit seinen Füßen einen Drachen zertritt. Die vier Pfeilerköpfe zeigen vier Laster; so steht der Mann mit den zwei Bärten für Meineid.... Die vielen einzelnen Elemente des Portals sind eine Art Bilderpredigt (ursprünglich in kräftigen Farben), und die Gesamtaussage lautet: durch Vergehen und Sünden wird der Eingang in das Paradies eng, aber durch das Beachten der 10 Gebote und das Heilshandeln Jesu Christi öffnet sich die Tür zum Himmel. Die lateinische Inschrift über dem Portal weist darauf hin, dass die Kirche zu dieser Zeit (12. Jahrhundert) vergrößert wurde („auxisti“); man kann davon ausgehen, dass die Stiftskirche insgesamt romanisch umgestaltet wurde, wie es auch für den Freisinger Dom bezeugt ist. Ebenfalls romanisch ist die dreischiffige Krypta, die durch das unterschiedliche Bodenniveau in zwei gleichgroße Hälften zerteilt ist. Welche der Hälften älter ist, ist nicht mehr zu ermitteln. In der Karwoche ist die Krypta ein stimmungsvolles Ambiente für das heilige Grab.

Im 12. Jahrhundert war die Romanik eigentlich schon am Abklingen und der gotische Baustil hatte seine erste Blütezeit: man wollte das himmlische Jerusalem, das am Ende der Zeiten kommen soll (vgl. Offb. 21), nachahmen. Vor diesem Hintergrund ist das große gotische Gemälde des jüngsten Gerichts, das in der Vorhalle über dem Portal in blassen Farben zusehen ist (wurde erst 1897 wieder freigelegt), zu verstehen. Übrigens wurden die gesamte Vorhalle und der Turm erst in der Gotik (um circa 1400) erbaut. Dabei handelt es sich leider nicht um die heutige Vorhalle und Turm - sie sind 1490 abgebrannt! Eine merkwürdige Fügung des Schicksals, wenn man bedenkt, dass die Freisinger Mutterkirche nur kurz zuvor ein Opfer der Flammen wurde! Die jetzige Vorhalle ist spätgotisch. Ein schönes Zeugnis aus dieser Zeit sind der spätgotische Taufstein und ein Grabdenkmal aus rötlichem Marmor (neben dem Taufbecken) mit der Aufschrift: „da ist die sepultur und gremeß der Pfäffing“ und der Darstellung der Anna Selbtritt.

Das Schicksal eines Brandes ereilte die Pfarrkirche ein zweites Mal, nämlich 1638 - eine Votivtafel an der Südseite der Wallfahrtskirche in Tuntenhausen erinnert an diese Katastrophe. Aus diesem Grunde ist es auch nicht erstaunlich, dass nur noch weniges aus der Zeit vor 1638 erhalten ist, wie z. B. der lebensgroße Kruzifixus (1530) gegenüber der Kanzel.
Entscheidend war der Wiederaufbau der Kirche nach 1638. Im Hauptschiff tragen nun Pfeiler mit korinthisierenden Kapitellen ein gotisches Tonnengewölbe mit Stichkappen, die aber anstelle von gotischen Rippen schon mit barocken Stukkaturen verziert sind. Ganz deutlich setzte sich die Barockisierung aber erst nach 1699 durch, und bis zum Jahre 1760 wurde die ganze Kirche ausstukkiert, wobei die Akanthusblüten einen Meister der Wessobrunner-Schule verraten. Sogar ein Werk des bedeutendsten niederländischen Barockmalers, Peter Paul Rubens (1577 - 1640), ist in der Isener Kirche (über Nordeingang): die Darstellung des „apokalyptischen Weibes“ nach Offb. 12, die eine Allegorie des Volkes Gottes ist. Allerdings ist dieses Gemälde kein „echter Rubens“! Der Freisinger Fürstbischof Albert Sigismund (1652 - 85) wollte, dass er - wenn er nach Isen kommt - auf das vertraute Altarbild im Freisinger Dom, nämlich die „apokalyptische Frau“ des Rubens, nicht verzichten müsse und gab deshalb eine Kopie bei dem Münchner Hofmaler Ulrich Loth (=1662) in Auftrag. Nachdem das Freisinger Original-Rubens-Bild nach der Säkularisation nach München in die Pinakothek wanderte, und heute eine Kopie dieses Bildes aus dem Jahre 1926 im Freisinger Dom hängt, können die Isener für sich beanspruchen, die wertvollere Kopie zu besitzen.

Aus der Rokokozeit stammt das Chorgestühl und die Putten. Man wollte damit den Himmel in das Gotteshaus hereinholen. Den Willen zur prunkvollen Gestaltung belegen auch die Seitenaltäre (z. B. Heilige Familie - heute Sakramentsaltar) und die beiden Figuren am Hauptaltar. Die rechte Frau mit dem Äbtissinenstab ist die Hl. Walburga, auf der linken Seite befindet sich die Hl. Juliana (allerdings nicht mehr das Original), die als Nebenpatronin unserer Kirche gilt. Ihr Grab, das angeblich in der Isener Krypta sein soll, wurde nie gefunden. Leicht verdeckt durch die Orgelempore kann man zwei Bilder mit Szenen, die Wundertaten (Totenerweckung) des Kirchenpatrons St. Zeno zeigen, bestaunen, und auf der gegenüberliegenden Seite - über dem Hochaltar - zwei Medaillons der beiden Hl. Lambert und Korbinian (mit Bär). Anlass für diese großartige Ausgestaltung war das 1000-Jahr-Jubiläum des Stiftes (1760) und man scheute sich nicht, Meister wie den Landshuter Bildhauer Christian Jorhan (1727 - 1804) zu engagieren.
Die ganze Fröhlichkeit des Barock und Rokoko fand ein jähes Ende durch die Säkularisation 1803, als das Stift aufgelöst wurde und die Stiftskirche für beinahe 20 Jahre verschlossen blieb. Aus der Stiftskirche wurde die Pfarrkirche. Als bleibende Erinnerung an die Chorherrenzeit blieben die zahlreichen Grabtafeln, die eine wertvolle Quelle für die Geschichte und Verfassung des Stiftes, aber auch für sprachliche Meisterleistungen (Distichen, Chronogramme) der damaligen Epoche sind.

Auf die emotionsgeladene Rokokozeit folgte eine Zeit der Ernüchterung und der Münchner Domkapitular und Kunsthistoriker Dr. Joachim Sighart (1824 - 1867) wollte die Isener Kirche vom barocken „Narrenkleid“ befreien. Ansatzweise ist dieses Vorhaben gelungen. Die unbemalten Felder in der Decke sind „ausradierte“ Bilder. Auch die Bilder Jesu und der 12 Apostel im Hauptschiff sind auf Initiative Sigharts angefertigt worden. Ursprünglich waren darunter farbenprächtige Bilder mit höchst interessanten Wunderdarstellungen des Kirchenpatrons, die allesamt einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten konnten. Aus diesem Grunde mussten diese Szenen dem dogmatisch einwandfreien Apostelgremium weichen. Auch die Szenen aus dem Leben Zenos im vorderen Drittel des Hauptschiffes sind eine Folge der Zensur - das heißt, frühere Bilder wurden übermalt.

Wie so oft, änderte sich der Kunstgeschmack wieder, und 1904 ging man daran, die Isener Kirche erneut barock umzugestalten. Dabei wurde die Kanzel angefertigt, und vor allem der neubarocke Hochaltar mit dem Altarbild von Professor Ranzinger aus München. Dargestellt ist der Kirchenpatron, der Hl. Zeno, auf einer Wolke stehend, darunter auf der linken Seite der Freisinger Dom mit seinen zwei Türmen und dem Wappen (Freisinger Bär), rechts die Isener Kirche, ebenfalls mit Marktwappen (Wassernixe).

Der Heilige Zeno war von 362 bis zu seinem Tod am 12. April 372 Bischof von Verona. Sprachliche Eigentümlichkeiten in seinen literarischen Werken legen aber nahe, dass er in Nordafrika zu Hause war. Er machte sich unter anderem einen Namen durch seine mystagogischen Predigten, durch seine dogmatischen Bemühungen um die Mariologie, aber auch als mildtätiger Seelsorger und Wundertäter, der gegen Hochwasser half (St. Zeno Maggiore/Verona wurde 589 auf wunderbare Weise von einem Hochwasser verschont!). Daher hält der Engel auf dem Altarbild eine Angel! Das langobardische Königshaus, das zeitweilig in Verona residierte, erwählte sich den Hl. Zeno zu seinem Schutzpatron. Durch die Hochzeit der Agilolfingerin Theodolinde mit dem Langobarden Autharich (589) gelangte die Zeno-Verehrung an den bayerischen Herzogshof. Auch dürfte der Heilige Korbinian (Bischof in Freising, =730) durch seine Italienreise einiges zum Zenokult beigetragen haben. Es gibt in Bayern nur wenige Zeno-Kirchen. Neben der Isener Kirche noch in Schönbrunn, Oberbleichen (Diözese Augsburg) und - vielleicht bekannter - in Bad Reichenhall. Die Bad Reichenhaller verdanken ihren Zeno-Kult den Isenern: der Salzburger Erzbischof Arn (um 740 - 821) stammte nämlich aus der Nähe von Isen (Außerbittlbach) und „exportierte“ den Hl. Zeno in seinen Wirkungsbereich. Ein besonderer Ausdruck der Zenoverehrung in Isen ist eine von Propst Ladislaus von Achdorff 1476 gestiftete Silberbüste des Hl. Zeno, die sich heute im Bayerischen Nationalmuseum in München befindet. Die Isener besitzen noch eine Kopie der Büste aus dem Jahre 1955.
Der Akkord der verschiedenen Stilrichtungen, die in der Isener Kirche wohltuend zusammenklingen, ist eine Mahnung zu gemeinschaftlichem Leben und Zeugnis der vielfältigen, aber doch geeinten Hoffnung, dass unser Leben einen Sinn hat. Und so gilt:
„Wenn Du eintrittst, trage den Alltag herein - wenn du hinaus gehst, trage Christus hinaus!“

Reinold Härtel

 

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